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Angewandte Kunst Köln im Dialog mit Werken des Museum Schnütgen, Köln

Eröffnung
Mittwoch, den 8. September 2004, 18 Uhr

Ausstellungsdauer
9. September - 17. Oktober 2004

 

Ort
Museum Schnütgen
Cäcilienstr. 29, 50667 Köln
Telefon 0221.22122310
Telefax 0221.22128489
email:schnuetgen@netcologne.de
Internet: www.museenkoeln.de/museum-schnuetgen/

Öffnungszeiten
dienstags bis freitags 10-17 Uhr
samstags und sonntags 11-17 Uhr
montags geschlossen

Die Idee
Ein intensiver Dialog eines Künstlers mit einem Werk des Museum Schnütgen führt zu einer neuen, künstlerischen Arbeit.

Das Konzept
10 Mitglieder der AKK - Angewandte Kunst Köln haben den Dialog mit 10 ausgewählten Exponaten des Museum Schnütgen gesucht. Dieser Dialog gewährt dem Betrachter Einblick in die Auseinandersetzung der Künstlerinnen und Künstler mit den Museumsstücken. Zwischen dem "alten" und dem "neuen" Stück entsteht durch die konzentrierte Beschäftigung mit dem Inhalt, der Machart, der Herkunft des Museumsstückes eine Verbindung - es kann Harmonie entstehen, es können aber auch durch eine Gegenüberstellung von Alt und Neu Fragen aufgeworfen werden - die Formen des Dialogs sind vielfältig.

Die besondere künstlerische und handwerkliche Qualität der Museumsstücke ist für uns Kunsthandwerker heute von großem Interesse. Die mittelalterlichen Traditionen der Verbindung von Darstellung, Konzept und Handwerk sind die Grundlagen unseres heutigen Arbeitens. Es ist eine besondere Herausforderung und eine Freude, sich diesen Stücken zu nähern und mit ihnen und zu ihnen zu arbeiten.

Die Präsentation
Um die Dialogstücke in der Sammlung hervorzuheben, wird die Farbe "Brückengrün" gewählt - eine eigens für die Kölner Brücken hergestellte Farbe. Auch auf der Ebene der Präsentation soll deutlich werden, dass in dieser Ausstellung Brücken geschaffen werden - zwischen der künstlerischen Arbeit und dem Betrachter, zwischen dem Mittelalter und Heute.

Die Dialogstücke werden direkt neben den Museumsstücken auf Podesten oder in den Museumsvitrinen liegend oder hängend präsentiert.

Das Museum
Der Gründer dieses Museums, Alexander Schnütgen, hat seit etwa 1870 eine riesige Kunstsammlung zusammengetragen. Schnütgens Schätze und die von ihm zwischen 1876 und 1904 organisierten Ausstellungen wurden die Grundlage für ein neues Verständnis von der Welt des Mittelalters und ihrer Erforschung. Über Schnütgens Sammeleifer und seine manchmal listigen Erwerbungstaktiken erzählt man sich heute noch Anekdoten. Seit er 1906 seine Sammlungen der Stadt Köln gestiftet hat, ist das Museum zu einem der wichtigsten Plätze für die Erforschung und Ausstellung mittelalterlicher Kunst in Europa und Nordamerika geworden. Es ist zudem ein Ort, an dem man die Kunst vom frühen Mittelalter bis zum Ausgang des Barock im einzigartigen Ambiente eines mittelalterlichen Kirchenbaus erleben kann. In St. Cäcilien, einem Bau des 12. Jahrhunderts, ist das Museum seit 1956 untergebracht. Mit einer Fülle der Schatzkunst, der Skulptur, der Textilkunst und der Glasmalerei gehört das Museum Schnütgen zu den zehn bedeutendsten Museen alter Kunst in Europa.

Die seit 2003 vollständig umgestaltete Sammlung präsentiert Themen, die dem heutigen Besucher und seiner Erfahrungswelt nahe kommen. Seit dem Mittelalter hat die Verbindung von Kunst und Kult, Kunst und Todesangst, Kunst zur Darstellung von Idealen und Idolen, von Heiligen und Herrschern nicht an Aktualität verloren. Damals wie heute hat Kunst als Motor zum Verständnis von Welt und Leben gedient. In den Sammlungen des Museum Schnütgen sind die großen Bildthemen des christlichen Mittelalters ebenso wie Wirtschaft und Kunstbetrieb einer mittelalterlichen Großstadt neu zu erleben. Durch die Schönheit der Dinge wird das Eintauchen in eine für viele fremd gewordene, ferne Welt erneut zur Gegenwart.

Die zehn Dialogarbeiten

Gregor Bischoff - Schmuck
Exponat des Museums: Schädel im Vorraum zur Krypta

Compassio et Poenitentia
Geteiltes Leid ist halbes Leid - Mitleid liegt immer im Auge des Betrachters
Bezug nehmend auf den vergitterten Schädel im Vorraum zur Krypta werden in die Augenhöhlen eines in der gegenüberliegenden Nische platzierten Totenschädels zwei "Reliquiare" geschaffen, die in Miniatur dieses Bild wiederholen. In jedem der zwei Behältnisse liegen zwei Totenköpfchen - der Gedanke des Mitleids soll durch diese Vervielfachung intensiviert werden.

Isolde Glenz - Textil
Exponat des Museums: Torso eines Kruzifixus, Köln, um 1230-40, Eiche, A19

Gewandfalten
Durch die Herstellung ausschnitthafter Foto-Sequenzen von verschiedenen Faltenwürfen an Figuren des Museums kristallisiert sich das Exponat "Torso eines Kruzifixus" durch seinen besonders aufwändigen Faltenwurf heraus.
Die "barocke" Gestaltung der Gewandfalten des Lendentuchs regt zu weiterer Auseinandersetzung an: es ergibt sich die Frage, wie die plastisch-reliefartige Darstellung von Gewandfalten mit gleicher Wirkung in die Fläche umgesetzt werden könnte - als Ausgangspunkt und Vorlage für Handsiebdruck.

Bettina Koll - Schmuck
Exponat des Museums: Johannesschüssel, Westfalen (Münster?) um 1450, Eiche, A147

Morgengabe für Salome
Die Morgengabe ist ein klassisches Goldschmiedethema: Das Geschenk des Mannes an die Ehefrau am Morgen nach der Hochzeitsnacht. Im Kontext der Johannesschüssel erhält die "Morgengabe" auch etwas Widersprüchliches. Sie ist ein Halsschmuck aus Gold und Mondsteinen, welcher die ehemalige Farbfassung der Johannesschüssel nachempfindet. Der Halsschmuck soll in einer Metallschale liegend präsentiert werden. Der Dialog mit der Johannesschüssel findet in doppelter Hinsicht statt - formal in der Gestaltung des Halsschmucks und inhaltlich in der Platzierung der Morgengabe auf dem Teller.

Luitgard Korte - Schmuck
Exponat des Museums: Paternosterkette, Mexiko, um 1580,
Goldemail, Kolibrifedern, L. 38,5 cm, Inv. Nr. A 1059

Eine Schädelparure
Diese Arbeiten empfinden in neuzeitlicher Ausgestaltung das Gefühl von Furcht und Trauer nach. Schädel und eine hinzuaddierte Träne aus Bergkristall beinhalten die Reflektion über das Ende bzw. den Tod. Sie zeigen aber auch einen Neuanfang für den auf, der glauben kann, im Jenseits Trost und Hoffnung auf Erlösung von diesem Leben zu finden.

Annette Kreutter - Schmuck
Exponat des Museums: Kreuzreliquiar, Trier um 1270, Silber vergoldet, G645

Reliquienkapsel - Pillendose
Die Ähnlichkeit der Reliquienkapsel mit einer Pillendose legt die Erarbeitung eines modernen Pendants nahe. Die Pillendose gleicht dem Reliquiar in Form und Größe und erhält auch einen Schiebedeckel. Die einzelnen Fächer der Dose werden ebenfalls gekennzeichnet sein - an Stelle einer Reliquie wird jedes Fach besetzt mit einer dem jeweiligen Schutzheiligen entsprechenden "Pille". Die Pillendose steht der Reliquienkapsel gegenüber und lädt ein zu einem direkten Vergleich: diesseits und jenseits; Heiltum und Medizin.

Heidi Philipp - Schmuck
Exponat des Museums: Schmerzensmann, Meister Tilmann
Köln, um 1500-1505, Eiche, A 820

Schmerz als Angebot
Der Ausdruck von Schmerz - Tod - Erlösung bzw. Triumph spiegelt sich in sieben Silbertabletts. In den Silbertabletts eingelassen, zeigen ornamentale Flächen Symbole des Schmerzes und der Hoffnung. Die Dornenkrone des Schmerzensmannes, nachempfunden gearbeitet in transparentem, farblosem Acryl, kann von dem Betrachter einem der Symboltabletts seiner Wahl zugeordnet werden.

Cordula Rössler - Schmuck
Exponat des Museums: Kamm des hl. Heribert, Metz, 2. Hälfte 9. Jh., Elfenbein, B100

"Pflästerchen" für den Heribertkamm
Fehlende Stücke des Heribertkamms führen zur Entwicklung eigenständiger Schmuckstücke. Die Formen und die Ornamentik der verlorenen Bruchstücke erweitern sich zu neuen, zeitgenössischen Schmuckformen. Die drei größten Fehlstellen bilden die Grundlage für die Entwicklung von drei Broschen aus Gold und Elfenbein.

Elisabeth Volk - Keramik
Exponat des Museums: Memento Mori, Westschweiz, um 1520
Elfenbein und Ebenholz, 12 x 42 x 15 cm
Leihgabe der Sammlung Peter und Irene Ludwig, Aachen

Postmortal
In der Neuordnung des Bestattungsgesetzes von NRW wurde auch über die Aufbewahrung von Aschenurnen im privaten Bereich - also zu Hause - diskutiert. Diese Gesetzesvorlage konnte nicht durchgesetzt werden (Juli 2003). In einigen europäischen Ländern ist dieses jedoch möglich; damit bleibt die Idee des Memento Mori (gedenke, dass du sterblich bist) aktuell. Die Künstlerin hat im Dialog mit der Memento Mori-Sammlung ein Urnengefäß zur Aufbewahrung der Totenasche im privaten Bereich geschaffen.

Livia Wachsmuth - Keramik
Exponat des Museums: Figurenpaar Maria und Johannes
von der Sonnenburger Triuphkreuzgruppe, Pustertal (Südtirol),
Ende 12. Jh., Zirbelkiefer, A 762, A 763

Metamorphose
Ein figurähnliches Kreuzobjekt aus Ton und Sand steht mittig vor dem Figurenpaar von Maria und Johannes aus einer Kreuzigungsgruppe. Die Figur steht in einem Becken, das mit zerriebener Ton- und Sandmasse gefüllt ist, dem Rohmaterial der Kreuzform. Diese Form und ihr Material öffnen den Blick für die Verwandlung des Menschen aus Körper, Geist und Seele zur Transzendenz.

Mechthild Watermann - Schmuck
Exponat des Museums: Reliquienkästchen aus Elfenbein
Niedersachsen, 1. Hälfte 11. Jh.
aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig, Aachen

Behausung
Diese Arbeit nimmt Bezug auf ein frühromanisches Reliquiar aus Elfenbein. Die äußere Form, die eines Hauses wird übernommen. Als Material wird hierfür transparentes Acryl verwandt, das durch Schraffuren aus Farbe und Blattgold einen halbtransparenten Eindruck hinterlässt. Dieses Haus schafft einen kleinen Raum, der Schutz gibt. Der Gegenstand, der in diesen Raum hineinlegt wird, erfährt eine Veränderung. Er entzieht sich den allgemeinen Blicken und ist doch wahrnehmbar. Er wird umhüllt, aufgewertet und zu einem Ort der Erinnerung. In dieses Haus legt die Künstlerin die Haare ihrer Kindheit, die im Alter von 10 Jahren abgeschnitten wurden.

© Angewandte Kunst Köln